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Die Exoten bei der Straßen-WM
Die Rad-Welt wird bunter


Foto: Roth

BARDOLINO/VERONA, 30.09.04 (rsn) - Die Velo-Welt ist bunter geworden. Gleich am ersten Tag der diesjährigen Weltmeisterschaft gab's Gold für Slowenien und die Tschechische Republik - beides keine klassischen Radsportnationen. Doch ein Weltmeister aus St. Kitts und Nevis? Ein Hoffnungsträger aus Schwarzafrika? Ein koreanischer Coup? Mit manchen Schlagzeilen kann der Radsport nicht aufwarten. Zwar geben längst nicht mehr nur Italienier, Franzosen, Spanier und Belgier den Ton an, zwar wundert sich seit den Teufelssprints eines Dschamolidin Abduschaparow in den 90er-Jahren niemand mehr über erfolgreiche Pedaleure aus Usbekistan. Doch selbst große Sportnationen wie Brasilien und China gelten bei der Straßen-WM als Exoten. Und die Teilnehmer aus Tunesien, Malta und Mexiko sowieso. Tunesien? Malta? Mexiko? In der Tat. Auch dort wird Rad gefahren. Stolze 58 Nationen sind in Bardolino und Verona am Start. Immerhin.

Beim Weltverband wird dies sicherlich mit Wohlwollen registriert, schließlich hat die UCI diese Entwicklung sogar forciert. Sie will keineswegs nur den Zirkel der traditionellen Radlerländer repräsentieren und hat im schweizerischen Aigle ein Weltradsportzentrum aufgebaut. Hier erlernen Talente aus allen fünf Kontinenten die Rennfahrerkunst, werden rund um die Uhr betreut und professionell trainiert. Hier wohnt auch Rafáa Chtioui. Chtioui ist 18 Jahre alt und kommt aus Tunesien. "Vor zehn Jahren war es um den Radsport in meinem Land noch besser bestellt, doch dann spielte er lange Zeit gar keine Rolle mehr. Er jetzt wird's langsam wieder besser", erklärt der junge Nordafrikaner. Er selbst ist der lebende Beweis, dass es mit dem tunesischen Radsport voran geht: Chtioui ist das wohl größte Radsporttalent Afrikas. Beim WM-Zeitfahren der Junioren kam er auf einen überaus respektablen zwölften Platz - vor dem besten Belgier, vor dem besten Italiener, vor dem besten Niederländer. Dabei sei es ihm bei seiner WM-Premiere gar nicht so sehr ums Ergebnis gegangen, sagt er, sondern vor allem ums Dabeisein. Doch nun ist er wohl auf den Geschmack gekommen. Und Profi werden will er sowieso. Wegen Ruhm und Ehre? Um viel Geld zu machen? Nein, sagt der junge Mann. "Um zu zeigen, dass es auch in Tunesien gute Rennfahrer gibt." Für ähnlich erstaunte Mienen wie Chtiouis weithin unbekanntes rot-weiß-blaues Nationaltrikot hat bei der vergangenen WM in Hamilton das Jersey von Prajak Mahawong gesorgt. Doch der Thailänder war in Kanada ein wirklich gutes U-23-Rennen gefahren; als 61. war er etwa um 40 Plätze besser platziert das als deutsche Talent Marcus Burghardt. Sein Ziel, selbstredend: Berufsradfahrer zu werden.

Das wollen auch die beiden Malteser Rodrick Muscat und Shawn Anderson. Sie müssen lachen, wenn auf den Stellenwert des Radsports auf ihrer Heimatinsel zu sprechen kommen. "Radsport auf Malta? Haha, davon kann eigentlich gar keine Rede sein", sagt Anderson. Nur einen Verein gebe es im ganzen Land, in den Medien wird vielleicht mal kurz über die Tour de France berichtet. Das wars. "Es gibt nur wenige Rennfahrer auf unserer Insel und nicht mal eine Handvoll Rennen. BMX ist da schon beliebter", ergänzt Muscat. Deshalb verbrachten die beiden Juniorenfahrer zuletzt viel Zeit in Belgien, um unter besseren Bedingungen zu trainieren. Im Zeitfahren in Bardolino kamen sie auf die Plätze 53 (Muscat) und 71 (Anderson).

Ganz andere Probleme hat da Veronica Leal Balderas aus Mexiko. Das größte Land Mittelamerikas hat zwar schon den einen oder anderen Profi hervorgebracht - Raul Alcala ist sicherlich der bekannte -, aber als Frau im Rennsattel hat es Balderas enorm schwer. "Der Frauenradsport hat bei uns keine Tradition. Wir müssen bei den Männern mitfahren, wenn wir Rennen bestreiten wollen." Da hilft nur eines: weg aus Mexiko, rüber nach Italien. Das haben sowohl Balderas, die amtierende mexikanische Meisterin im Zeitfahren und auf der Straße ist, als auch Belem Guerrero schon so gemacht; Guerrero hat unlängst durch die Silbermedaille im Punktfahren auf dem olympischen Bahnoval in Athen für Aufsehen gesorgt. Zuletzt hat Balderas allerdings wieder in Mexiko gewohnt und trainiert und hat dort acht Eintagesrennen und zwei Rundfahrten mit ihren männlichen Kollegen bestritten. Ein gutes Training, eigentlich. Doch beim Zeitfahren in Bardolino kam Balderas dennoch schnell an ihre Grenzen: 7:20 Minuten länger als die Siegerin Karin Thürig benötigte sie für die 24 Kilometer und fand sich auf dem letzten Platz wieder. Doch wer fragt da schon nach Platzierungen. Die Leistung von Veronica Leal Balderas liegt darin, überhaupt Radsport zu betreiben - allein dafür ist in ihrem Fall ein Höchstmaß an Leidenschaft und Engagement nötig. (kh)

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