DEN HAAG, 22.11.04 (dpa) -
Den Haag (dpa) - Mit neuer Leidenschaft will Jan Ullrich sein
altes Ziel anpeilen. «Es wäre eine ganz, ganz große Sache, wenn ich
die Tour de France noch ein Mal gewinnen könnte. Aber ich will mich
nicht mehr unter einen großen Druck setzen und jetzt schon über
Rennen spekulieren, die ich 2005 gewinnen will. Ich will wieder die
ganze Leidenschaft beim Radfahren spüren - dann kommen die Erfolge
von allein», sagte der 30-Jährige am Montag in der T-Mobile-Zentrale
in Den Haag, wo das alljährliche Teamtreffen der Elite-Radler endete,
das am Wochenende in Amsterdam begonnen hatte.
«Nach einer mittelprächtigen Saison wie der vergangenen ist es
leichter im Jahr darauf, wieder stärker zu sein», glaubt Ullrich, der
ausdrücklich betonte, dass es für ihn persönlich wichtig sei, dass
sein Dauerrivale Lance Armstrong auch 2005 in Frankreich mit von der
Partie ist.
Auch in diesem Jahr konnte der Tour-Vierte Ullrich Armstrongs
sechsten Rekordsieg hintereinander bei der Frankreich-Rundfahrt nicht
verhindern. Ob der T-Mobile-Kapitän an der Spitze seines Teams mit
dem Tour-Zweiten Andreas Klöden, dem Tour-Dritten von 2003, Alexander
Winokurow, und dem Neuling Oscar Sevilla (Spanien) Gelegenheit zu
einer Revanche an Armstrong bekommt, steht weiter in den Sternen. Der
Texaner hat sich noch nicht definitiv geäußert. Vieles deutet aber
darauf hin, dass der 33-jährige Armstrong 2005 auf einen Start
verzichten wird.
Das glaubt auch Ullrich-Betreuer Rudy Pevenage, der nach den
Querelen näher ans Team rücken soll, ohne allerdings wieder den
Status eines sportlichen Leiters zu genießen. «Ich bin weiter Jans
persönlicher Betreuer, hoffe aber, dass die Animositäten der
vergangenen Zeit vergessen sind und die Zusammenarbeit besser
klappt», sagte Pevenage in Den Haag. Durch den Streit mit T-Mobile-
Manager Walter Godefroot, der sich 2006 zurückziehen wird, waren
Pevenages Wirkungskreise beschränkt. Ullrich: «Es wird keinen
Gegenwind mehr geben.»
Ullrichs neuer Kronprinz Klöden unterstrich am Montag erneut seine
Loyalität zu seinem Freund Ullrich, ließ sich aber ein Hintertürchen
offen. «Ich will die Form haben, bei der Tour wieder unter die ersten
Fünf zu fahren, und Jan geht natürlich als unser Kapitän ins Rennen.
Aber das Rennen muss natürlich auch zeigen, ob ich meine Kräfte für
Jan, Winokurow oder mich voll einsetzen werde. Das kann man im
November noch nicht sagen», erklärte Klöden, der die Chefetage des
Teams mit einem monatelangen Vertragspoker auf die Probe gestellt
hatte. Hinter Ullrich zählt der Tour-Zweite neben dem nach seinem
Treppensturz weiter verletzten Erik Zabel und vor Winokurow zu den
Topverdienern im Team, das auch 2005 von T-Mobile wieder mit rund elf
Millionen Euro gesponsert wird.
Das teure T-Mobile-Engagement wird aller Wahrscheinlichkeit über
die bisher vereinbarte Vertragsdauer bis 2006 fortgesetzt werden,
worauf auch der vereinbarte Machtwechsel auf dem Managerposten
hindeutet, den Ex-Profi Olaf Ludwig (44) im übernächsten Jahr vom 61-
jährigen Godefroot vollständig übernehmen wird. 2005 fungiert der
gebürtige Thüringer an der Seite des Belgiers als dessen Assistent.
Auch ohne den angepeilten Toursieg war das Jahr 2004 für T-Mobile
«überaus erfolgreich». Auf der Habenseite registrierte Godefroot
Klödens zweiten Platz in Paris, Zabels Vize-Weltmeisterschaft, den
Sieg Steffen Wesemanns bei der Flandern-Rundfahrt und den Ullrich-
Erfolg bei der Tour de Suisse. Insgesamt wurden 25 Siege
eingefahren. Im ersten Jahr der neu eingeführten Pro-Tour muss T-
Mobile wie alle 20 Elite-Teams bei den wichtigsten 28 Terminen 2005
präsent sein. 27 Fahrer - vier verließen das Team, sechs kamen hinzu
- sollen das Mammutprogramm von Februar bis Oktober bewältigen.