BERLIN, 30.11.04 (rsn) - Der Schweizer Phonak-Rennstall,
der in den letzten Monaten in mehrere
Dopingaffären verstrickt war und an seinem
amerikanischen Star Tyler Hamilton trotz "positiver"
Dopingproben lange festhielt, hat
endgültig keine Lizenz bekommen
für die ProTour im kommenden Jahr.
Dies teilte der internationale
Radsportverband UCI am Dienstag offiziell
mit. Phonak bekommt damit die bittere Quittung
für ein katastrophales Krisenmanagement in den letzten Wochen.
Die Lizenzierungskommission der UCI hatte am 13.November überraschend Phonak eine
ProTour-Lizenz verweigert.
Bei dieser vorläufigen Entscheidung blieb
die UCI-Kommssion, die am Dienstag die Liste der Mannschaften
bekanntgab, die im kommenden Jahr die neue
ProTour-Serie bestreiten werden.
Phonak, das einen Platz darin sicher zu haben schien,
ist nicht dabei.
Die französische AG2R-Equipe und
der belgische MrBookmaker-Rennstall, die sich Hoffnungen gemacht hatten,
gegebenenfalls als Ersatzteams eine Lizenz zu bekommen,
wurden ebenfalls nicht berücksichtigt.
Beide Teams erfüllen nach Ansicht der UCI
nicht die sportlichen Kriterien.
In der ersten ProTour-Saison wird es nunmehr nicht wie geplant 20, sondern nur 19 Mannschaften
geben.
Die UCI-Kommission,
die Phonak die Lizenz verweigerte,
besteht ironischerweise
aus drei Schweizern (Pierre Zappelli,
einem Richter am Schweizer Bundesgericht,
Andre Hurter und Hans Höhener).
Gegen die Entscheidung kann Phonak
beim internationalen Sportgerichtshof
(TAS) Rechtsmittel einlegen.
Phonak-Chef Andy Rihs erklärte allerdings, dass man
wohl auf diesen Gang verzichten werde. Eine definitiver Entscheid soll in
den nächsten Wochen fallen und ist abhängig, ob die Einladung für die Tour
de France realistisch ist oder nicht.
Phonak zum Verhängnis wurden eine Reihe von Dopingfällen (Camenzind, Hamilton, Perez) in den letzten Monaten
und vor allem das Verhalten Phonaks in den beiden jüngsten Fällen um Hamilton
und Perez stiess der Lizenzkommission der UCI sauer auf. Statt wie bei
Camenzind mit der sofortigen Freistellung zu reagieren, hielt die einzige
Schweizer GS-I-Equipe an den beiden Fahrern fest und zweifelte das
Testverfahren an. Um die Verlässlichkeit der Methode zu überprüfen, setzte
sie sogar ein eigenes fünfköpfiges Gremium ein und investiert dafür rund
eine Million Franken.
Hamilton zu spät entlassen
Wie aus dem offiziellen Communiqué der UCI zu entnehmen ist, wurde Hamilton
am letzten Donnerstag entlassen. Doch die Freistellung erfolgte zu spät. «Im
Reglement ist klar festgehalten, wann welche Unterlagen einzureichen sind;
nachträgliche Änderungen können nicht in Beurteilung einbezogen werden»,
erklärte Hans Höhener, der mit Bundesrichter Pierre Zapelli und André Hurter
die ausschliesslich aus Schweizern zusammengesetzte Kommission bildet.
Stichtag war der 12. November. Dies wird seitens Phonaks stark kritisiert.
Es habe gar keine Rolle mehr gespielt, was Phonak nach dem ersten, negativen
Entscheid bis zum Hearing unternommen habe.
Hamilton selber hält noch immer an seiner Unschuld fest. «Ich habe den
PR-Krieg verloren», erklärte das amerikanische Aushängeschild auf seiner
Homepage. «Ich war naiv zu denken, dass die Offiziellen innerhalb der
Antidoping-Organisationen mit einem Urteil warten, bis das Resultat der
Expertenkommission bekannt ist», so Hamilton. Er beklagt vor allem, dass er
trotz wiederholten Insistierens keinen DNA-Test machen durfte. Auch seien
mehrere Anfragen, die Protokolle einzusehen, abgewiesen worden.
Phonak hatte am 22. November mit Teamchef Andy Rihs, Manager Urs Freuler und
Anwalt Alessandro Celli noch einmal um die für Phonak existeniell wichtige
Teilnahme an der ProTour gekämpft. Zu diesem Zeitpunkt war Hamilton aber
noch immer von Phonak angestellt, auch wenn er unmittelbar nach
Bekanntwerden des Vorfalls vom Rennbetrieb suspendiert worden war. Immerhin
attestiert die Kommission, dass die nun angekündigten Veränderungen bei den
internen Kontrollen «ein Schritt in die richtige Richtung» seien.
Phonak schon länger im Visier
Im Communiqué hält die Kommission fest, dass der fragliche Test sowohl von
der Welt-Antidoping-Agentur WADA als auch vom IOC anerkannt seien. Dem Team
wird der Vorwurf gemacht, dass es «Schatten auf die Validität des Tests
geworfen hat, statt Doping zu bekämpfen.» Die von Phonak eingesetzte
Kommission präsentierte bis dato noch keine schlüssigen Resultate. Wie dem
Communiqué weiter zu entnehmen ist, sollen zwei der Ärzte nichts gefunden
haben, was die Testmethode in Frage stellen würde. Ein Mediziner entdeckte
wohl Fehler, die aber die Reliabilität nicht in Zweifel stellen. Nur zwei
sind offenbar der Meinung, der Test sei ungültig.
Offenbar waren aber nicht nur die Blutbilder der beiden des Blutdopings
beschuldigten Fahrer verdächtig. Der am Hearing am 22. November in Lausanne
ebenfalls anwesende UCI-Doktor Mario Zorzoli erklärte damals, dass während
des Jahres mehrere abnormale Blutbilder von Phonak-Professionals die Zweifel
genährt hätten. Offenbar hatten die Dopingfahnder schon während des
Tour-de-France- Vorbereitungsrennens Dauphiné Libéré Phonak ins Visier
genommen.
Nicht korrekte Verträge
Die von Phonak gestartete Vorwärtsstrategie für die kommende Saison ist
damit mehr als nur in Gefahr. Schon nach dem negativen Entscheid in erster
Instanz hatte Andy Rihs als CEO des Hauptsponsors erklärt, dass die
Teilnahme an der ProTour quasi eine «Conditio sine qua non» ist. «Die
Teilnahme an den wichtigsten Rennen muss sichergestellt werden und ist
Bedingung des Hauptsponsors», so Rihs vor zwei Wochen. Als erster Fahrer
dürfte Floyd Landis das Team verlassen. Der Amerikaner hat in seinem Vertrag
eine Klausel, dass er im Falle einer Nicht-Teilnahme an der ProTour sofort
ein neues Team suchen darf.
Nur als Detail müssen die von der Kommission bemängelten Fahrerverträge
gesehen werden. Phonak zahlt in fünf Fällen für das Recht an der
Bildvermarktung den Fahrern mehr als die vom Reglement auf maximal 15
Prozent des Jahreslohns festgelegte Summe. Dies gelte laut UCI nicht nur für
neue Verträge, sondern auch für Vertragsverlängerungen. Der Phonak-Berater
von Ernst & Young hatte dem Stäfner Team angeblich das Gegenteil erklärt.