Tour de France
Tagebuch von Jörg Ludewig
Gute 17.000 Trainings- und Rennkilometer der Saison 2004 hat Jörg Ludewig in den Beinen. Ob das reicht, die Tour de France zu bestehen? Als Tour-Novize rollte der 28-jährige Radprofi aus dem westfälischen Steinhagen (Kreis Gütersloh) im Vorjahr auf einen 38. Platz im Gesamtklassement. Vor dem Start der großen Schleife in diesem Jahr dämpft der Fahrer des italienischen Saeco-Teams die Erwartungen: »2003 war eine Ausnahmesituation. Ich war sehr euphorisch und konnte angesichts der Lage im Team zum Schluss unbeschwert nach vorn fahren. In diesem Jahr sind die Karten neu gemischt. Es wird hart, die Tour ist lang. Es kann viel passieren. Für mich wäre es schon wie ein Sieg, wieder das Ziel in Paris zu erreichen.«
Wie es Jörg Ludewig im Rennen geht, werden Fernsehzuschauer der ARD teilweise live verfolgen können. Seine Pulswerte werden ebenso wie die aktuell mit dem SRM-System gemessene Leistung drahtlos übertragen. »Ich bin selbst gespannt«, sagt der sympathische Steinhagener.
Ludewig, dessen Teamkapitän Gilberto Simoni
Großes vorhat, berichtet in einem Tagebuch von
der Tour de France.
20. und letzte Etappe
Durchgebissen
PARIS, 25.07.04 -
Die Tour ist die Tour: Wie viele Millionen uns in den drei Wochen begeistert zugejubelt haben Wahnsinn. Paris, die Champs Élysées ist dann die Krönung. Du quetscht für Tempo 60, 65 die letzte Kraft aus den Beinen. Noch mal richtig hartes Radrennen nach 3400 Kilometern. Du fährst an hunderttausenden jubelnden Menschen vorbei. Diese Emotion, diese Gänsehaut entschädigt für vieles.
Das Ziel erreicht! Mann, bin ich froh. Die Zieldurchfahrt auf der Champs Élysées war wie eine Erlösung. Dieser Moment entschädigt für die Tour der Leiden. Die Schlussetappe begann mit Bummeltempo, bei dem jeder halbwegs trainierte Radtouristiker locker mitgerollt wäre. Das ist ganz nett, da fährt man durch Feld, gratuliert den einen, unterhält sich mit anderen. Die Stimmung ist ganz entspannt. Du spürst aber auch, dass alle das Ende der Tour herbeisehnen.
Ich hatte ja erwartet, dass meine zweite Tour de France viel schwerer werden würde, als die im vergangenen Jahr. Ohne die Euphorie der Premiere spürst Du alle Schmerzen ein bisschen deutlicher. Und Du weißt vor allem, was Dich noch erwartet Dass es in diesen drei Wochen jedoch so dicke kommen würde, hatte ich nicht geahnt. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Ich bin im Ziel und glücklich. Als 40. auf der Schlussetappe ins Ziel gekommen, belege ich im Gesamtklassement den 55. Platz. Diese Leistung stellt mich unter den Umständen zufrieden, denn meine schwere Erkältung hat mich doch enorm geschwächt. Aber ich habe mich durchgebissen. Und das macht mich stolz. Ich habe wieder meine Nominierung zur Tour gerechtfertigt und gut für unser Team gearbeitet. Dies ist der Beweis, dass meine Leistung der Tourpremiere keine Eintagsfliege war. Ich kann mich im ersten Drittel des Starterfeldes behaupten. Und kaum im Ziel, gerade die Tour absolviert, da will ich nichts sehnlicher, als an der nächsten Tour de France teilnehmen. Dieses Rennen ist das absolut Größte, was Du als Radsportler erleben kannst. Von meinem Leistungsvermögen her kann ich die Tour sicher noch ein paar Jahre bestreiten. Ich hoffe, das klappt.
Toll war, dass meine Familie, meine Freundin Melanie, Freunde aus der Heimat und Fans mich im Ziel erwarteten. Ich wusste, dass ich so stark unterstützt werde, und das hat mir in dieser schweren Rundfahrt Moral gegeben. Ich danke allen, die mich angefeuert haben! Nicht vergessen möchte ich die vielen Helfer im Team, ohne die wir Sportler unsere Leistung nicht bringen könnten. Ein Dank geht auch an alle Förderer und Sponsoren, die mir mit ihrer Unterstützung das Radfahren erleichtern, und meine Freunde von der medienfabrik Gütersloh, ohne die dieses Tourtagebuch nie geschrieben worden wäre.
Lasst mich eine kurze Bilanz der Tour 2004 ziehen.
Ich fange mit A an wie Armstrong. Wie Lance diese Tour dominiert hat, war sensationell. Er fährt so weit vor allen anderen, die Mannschaft funktioniert perfekt. Für den deutschen Radsport war es sicher eine Superentwicklung, dass Andreas Klöden auf den zweiten Platz gefahren ist. Immer in Erinnerung behalten werde ich das miserable Wetter der ersten Tourwoche. Da hat das Radfahren nicht wirklich Spaß gemacht. Nicht erinnern möchte ich mich an meine Erkältung und die anderen Wehwehchen. Sondern ich bin einfach nur dankbar, dass ich von Stürzen verschont blieb. Es war schon brutal, wie schwer sich da einige Kollegen verletzt haben. Ihnen allen noch mal Gute Besserung.
Und ganz zum Schluss sage ich Euch allen, den Lesern meines Tourtagebuchs, danke. Ich hoffe, es hat Euch Spaß gemacht, und Ihr seid im nächsten Jahr wieder so treue Begleiter auf meiner Tour de France.
Euer
Jörg Ludewig
19.Etappe
"...wirklich nicht getrödelt"
BESANÇON, 24.07.04 -
Leute glaubt mir: Ich hab heute wirklich nicht getrödelt. Immer hatte ich im Hinterkopf. Nur nicht wegen Zeitüberschreitung am letzten Tag aus der Wertung fliegen. Eine Zeit von einer Stunde und 16 Minuten auf diesem Kurs ist gar nicht so übel. Es ging hier ganz ordentlich rauf und runter. Und dann kommt der große Chef vorne und packt mir mehr als 9 Minuten drauf. Da fehlen mir die Worte und das will bekanntlich was heißen. Für deutsche Verhältnisse bin ich ja ein ordentlicher Radfahrer und auch hier bei der Tour kann ich gut mithalten. Aber mit diesen Leistungsdifferenzen zur Spitze muss man erst mal klarkommen. Die Chefs im Peloton hatten es heute auch ein bisschen leichter. Denn während die ersten im Regen fahren mussten und auch bei uns im Mittelfeld die Straße noch nass war, konnten sie auf trockener Straße fahren. Bei den etlichen engen Kurven war das sicher ein Vorteil. Aber auch Jan Ullrich hat von Lance Armstrong wieder eine Minute kassiert. Da kann ich mich nur wiederholen: Lance fährt in einer anderen Welt. Respekt zolle ich heute Andreas Klöden. Er hat sich toll auf den zweiten Platz vorgekämpft.
Morgen ist nur noch Schaulaufen angesagt für uns Saecos. Die Sprinter werden die Etappe wohl unter sich ausmachen. Für uns geht es um nichts mehr. Die Stimmung ist nicht ganz so toll. Im vergangenen Jahr hatten wir wenigstens noch einen Etappensieg auf dem Konto. Geschwächt haben uns sicherlich das Fehlen von Di Luca, die Herausnahme von Stefano Casagranda und das verletzungsbedingte Ausscheiden von Gerrit Glomser. Wirklich zufrieden sein können wir mit dem Abscheiden unseres Teams nicht. Ich selbst bin aber noch frohen Mutes: Morgen habe ich es geschafft und das Ziel in Paris erreicht.
Euer
Jörg Ludewig
18.Etappe
Chef im Spiderlook
LONS-LE-SAUNIER, 23.07.04 -
Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie ich mich auf dieses Wochenende freue! Vor drei Wochen in Lüttich habe ich dem Tourstart entgegengefiebert, und war mir gar nicht so sicher, ob ich die 3400 Kilometer durchhalten würde. Und jetzt habe ich wirklich mein großes Ziel so nah vor Augen. Wenn mich hier nicht noch ein Unfall aus dem Rennen wirft, werde ich am Sonntag in Paris auf der Champs-Élysées ins Ziel der Tour de France fahren. Vor allem freue ich mich, dass meine Familie und meine Freundin Melanie und viele Freunde wieder nach Paris kommen werden.
Heute hat bei mir die Vernunft gesiegt. Als die Ausreißergruppe rausgegangen ist, bin ich die Attacke mitgefahren. Ich war schon am Hinterrad von Juan Antonio Flecha. Doch dann meldete sich die innere Stimme aus den Beinen. Hey, hältst Du Dich nach 3000 Kilometern noch für Supermann??? Ich habs eingesehen und den Anker geworfen. Als dann das Feld mit Tempo 60, 65 an mir vorbei rauschte, hätte ich fast den Anschluss verpasst...
Ich spüre, dass ohne die letztjährige Euphorie der Premiere die Tour diesesmal viel schwerer war. Aber trotz allem: Paris naht. Ich sehne den Zielstrich herbei. Mich ärgert, dass die Gesundheit nicht mitgespielt hat. Vielleicht hätte ich sonst aggressiver fahren können und Anschluss an die ersten 35 halten können. Ein Trost: Hier im Feld sind viele andere auch richtig platt. Und nur für die, die Paris erreichen, hat sich die ganze Quälerei wieder wirklich gelohnt. Viele waren so krank oder verletzt, dass sie aussteigen mussten. Und wenn ich an die Stürze und Brüche denke, kann ich dankbar sein, dass mich nur eine schwere Erkältung wie ein Dampfhammer erwischt hat.
Geil fand ich heute meinen Chef im Spiderlook. Wegen seines Klettervermögens auf den steilen Bergetappen hat Gilberto Simoni den Spitznamen Spinne. Heute trug er Trikot, Hosen und selbst Handschuhe im Spinnennetzlook. Selbst das Rad passte dazu. Sah toll aus. Das muss man ja den Italienern lassen: Für solche Aufgesehen erregenden Designideen haben sie ein Händchen.
Auf der Etappe heute haben wir uns im Feld bei einer Situation nur fragend angesehen: Da versuchen 20 Leute ohne Erfolg, die Ausreißer einzuholen. Und dann kommt ein Lance Armstrong, tritt einmal richtig an, fährt locker an die Gruppe vorne heran, und lässt sich dann einfach wieder zurückfallen. So als wollte er sagen: Ich wollte Euch nur mal zeigen, was ich drauf habe! Der Mann legt einen Punch in die Pedale, das ist absoluter Wahnsinn und wirklich eine andere Welt.
Morgen bin ich gespannt, was unsere T-Mobiles beim Einzelzeitfahren draufhaben. Die Strecke mit den vielen Steigungen müsste Jan Ullrich und Andreas Klöden liegen. Als Rundkurs können schwäche Fahrer auch nicht auf Rückenwindvorteile hoffen. Ich drücke Ulle und Klöden die Daumen, dass sie zumindest die Plätze zwei und drei in der Gesamtwertung in Paris belegen können. Das entscheidet sich morgen.
Hoffentlich finde ich selbst einen guten Rhythmus und kann den Druck durchziehen. 55 Kilometer sind ne echte Hausnummer. Leider ist Regen angesagt. Das könnte die Geschichte ungemütlich machen. Ich will nur vernünftig und heil durchkommen.
Euer
Jörg Ludewig
17.Etappe
"Geiler Tag"
GRAND-BORNAND, 22.07.04 -
Heute hat das Radfahren endlich mal wieder Spaß gemacht. Vor allem über den couragierten Vorstoß meines Chefs waren wir im Team alle begeistert. Das war die letzte Chance für Gilberto Simoni, hier eine Etappe zu gewinnen. Da hat er echte Moral bewiesen und die Brechstange ausgepackt. Ausreißen bleibt aber ein Lotteriespiel. Die Gruppe war eigentlich optimal besetzt, weil die wichtigen Teams je einen Fahrer drin hatten. Leider konnten einige das Tempo nicht halten. Vor allem als Bartoli zurückgefallen war und CSC deshalb von hinten zum Angriff blies, wurde es zu knapp. Gilberto hat in dem verbliebenen Trio toll gekämpft, allein viel Führungsarbeit geleistet. Dass nach 180 Kilometern am letzten Berg kurz vor der Kuppe das Feld aufgeschlossen hat, war dann hart, aber unvermeidlich. Immerhin: Er hat Saeco heute super präsentiert, auch wenn der Etappenerfolg ausgeblieben ist.

Jörg am Donnerstag im Ziel
Foto: Roth
|
Da lässt Lance Armstrong ja gar nichts mehr anbrennen. Sein Gesamtsieg ist sicher nicht in Gefahr, und trotzdem zeigt er jetzt bei jeder Etappe seine Dominanz. Es ist aber schon Wahnsinn, wie die ersten Vier der Gesamtwertung auch bei dieser superschweren Etappe vorne waren. Ulle straft das Gerede über seine Form Lügen leider erst jetzt. Besonders beeindruckt hat mich wieder Anderas Klöden. Der war schon abgehängt und hat sich doch noch rangekämpft.
Für mich war es auch ein geiler Tag. Die Erkältung wird immer erträglicher. Das Wetter war klasse. Und dieser Super-Berg Col de la Madeleine hat Spaß gemacht. Vor allem, wenn die Fans Dich anfeuern, sind die Beine gleich besser. Ich konnte im Feld einigermaßen mitfahren. Den letzten Berg sind wir locker im Gruppetto-Tempo raufgerollt, was sollst Du um den 40. Platz noch sprinten? Heute war ich 44. und mit meinem Platz im vorderen Mittelfeld des Gesamtklassements kann ich angesichts der Umstände zufrieden sein.
Die Etappe morgen ist mit 166 Kilometern zwar kurz, aber nicht zu unterschätzen. Zwar bin ich sicher, dass die Berge mich nicht mehr aufhalten. Der wellige Anfang könnte aber hart werden, wenn Teams mit Attacken die letzten Chancen zur Profilierung nutzen wollen.
Rund 3000 Kilometer liegen hinter uns. Bis Paris sind es noch drei Tage. Das gibt Motivation.
Euer
Jörg Ludewig
16.Etappe
Vier Berge bis Paris
ALPE D'HUEZ, 21.07.04 -
Wie gut dass es Headsets zum Handy gibt, so kann ich auch während des Fahrens meine Gedanken zum Tourtag durchtelefonieren. Ich bin gerade auf dem Weg zum ARD-Studio für ein Interview natürlich auf dem Fahrrad. So kommt man noch am besten hier durchs Verkehrsgewühl. Denn LAlpe d Huez ist wieder von Radsportfans in Beschlag genommen. Ihr glaubt ja gar nicht, wie viele Zuschauer auch aus meiner ostwestfälischen Heimat hier angereist sind. Eine super Unterstützung.
Leider musste ich heute taktisch fahren. Mit 6:27 Minuten Rückstand war ich 81. Die Zeit macht mich nicht glücklich. Da wäre mehr drin gewesen. Aber was nützt es, hier eine Minute und ein paar Plätze besser zu sein und morgen bei der wieder schweren Alpenetappe keine Power mehr in den Beinen zu haben. Wer den morgigen Tag übersteht, kommt in Paris an. Und das will ich! Es ist nur alles viel, viel mühsamer als im vergangenen Jahr.
Zwischen mir und Paris stehen morgen aber noch drei Berge der ersten Kategorie und der Col de la Madeleine, 2000 Meter hoch. Allein dieser Anstieg ist fast 20 Kilometer lang mit knapp 8 Prozent Steigung. Für die Höhenmeter muss man bei uns zuhause im Teutoburger Wald fast den ganzen Tag Hügel sammeln.
Die Antibiotika schlagen an und dämpfen die Symptome meiner Erkältung. Trotzdem fühle ich mich ziemlich platt. Auf dem Rad kann ich mich aber jedes Mal wieder motivieren. Ich hoffe, dass es morgen nicht zu hart losgeht. Dann werde ich meinen Job im Team relativ lange erfüllen können. Wir setzen immer noch darauf, dass unser Kapitän Gilberto Simoni die Moral für einen Platz unter den Top-Ten hat. Morgen könnte ein Tag für ihn werden.
Lance Armstrong hat heute mal wieder seine Ausnahmestellung untermauert. Aber Jan Ullrich und Andreas Klöden haben toll gekämpft. Das ist cool für die Popularität des deutschen Radsports. Ich hoffe, dass zwei Fahrer so nah an der Spitze weitere Impulse für die Jugend- und Nachwuchsarbeit in Deutschland geben. Leute, setzt Eure Kids aufs Rennrad!
Euer
Jörg Ludewig
15.Etappe
"Alles lahm - nur die Beine ganz gut"
VILLARD-DE-LANS, 20.07.04 -
Sieben Berge waren heute zu bezwingen. Insgesamt fast 50 Kilometer Steigungen. Die Wetterbedingen waren klasse bei Sonne und wolkenlosem Himmel. Und vorne an der Spitze ist es ja mächtig abgegangen. Wie ein Jan Ullrich, den viele ja schon ganz abgeschrieben hatten, heute gekämpft und gebissen, war schon beeindruckend. Nur: Armstrong fährt eben in einer anderen Welt. Schade für Ulle...
Unser dezimiertes Team muss taktieren, in welcher Ausreißergruppen wir mitgehen. Marius Sabaliauskas ist bravourös auf den 12. Platz gefahren. Gilberto Simoni hat sein Bestes gegeben und wurde 15. Wir hoffen, dass er jetzt noch mal eine solche Leistungsexplosion bringen kann, wie im Vorjahr.
Oberhalb des Bauchnabels legt bei mir die Erkältung alle Empfindungen lahm. Glücklicherweise überdeckt sie auch die Sitzbeschwerden. Komisch ist nur, dass meine Beine ganz gut sind. Zum Rennbeginn war ich gleich abgehängt. Ich habe mich dann aber zusammengerissen, bin ans Feld gefahren und über alle Hügel gut drübergerutscht. Dann hatte ich Glück, dass ich mich in der abhängten Gruppe mit Thomas Vöckler im gelben Trikot befand. Sein Team hat ihn wieder rangefahren und ich musste nur mitrollen. Als es auf dem letzten Anstieg das Peloton dann endgültig gesprengt hat, konnte ich mit meinem Teamkameraden Evgeni Petrov das Tempo einigermaßen halten. Mit Platz 50 befand ich mich in sehr prominenter Gesellschaft.
Morgen kommt das Bergzeitfahren nach LAlpe dHuez. Auf dieser Strecke habe ich im vergangenen Jahr als Tourneuling meine Reifeprüfung bestanden. Mann war das stark, als 44. dieses Radsportmythos zu erreichen. Ich war so euphorisch. Und jetzt. Ich muss bei meiner derzeitigen körperlichen Verfassung meine Kräfte gut einteilen. Das Ziel heißt Paris. Also werde ich mich beim Bergzeitfahren nicht auspowern. Aber glaubt mir: Das fällt schwer. Denn wenn die zigtausenden Fans die nur 15 Kilometer lange Strecke säumen und Du praktisch durch eine Gasse der Begeisterung fährst, peitscht Dich das den Berg hoch. Fans habt Verständnis, dass ich dieses Jahr nicht Vollgas geben kann, sondern nur auf die Karenzzeit schiele ...
Euer
Jörg Ludewig
Zweiter Ruhetag
Rote Gestalten im Café
NÎMES, 19.07.04 -
Wer kennt ein Mittel gegen Schnarchen??? Nachdem mein Zimmerkollege Gerrit Glomser abreisen musste, hat sich mein junger schweizer Teamkollege David Loosli bei mir einquartiert. Und solch eine Zimmergemeinschaft ist ein bisschen wie eine Ehe. Bei Gerrit hab ich mich an alle Eigenheiten gewöhnt, bei David noch nicht. Er hat auch die Nase zusitzen und sägt entsprechend. Um überhaupt ein Auge zuzukriegen, habe ich mitten in der Nacht Matratze und Bettzeug auf den Flur geräumt und dort wenigstens ein paar Stunden gepennt.
Zum Schlafmangel kommt heute dann noch die immer schlimmer werdende Erkältung. In Absprache mit den Ärzten nehme ich jetzt Antibiotika natürlich nur das, was im Rahmen der strengen Medikamentenzulassung bei der Tour gestattet ist. Da muss man sehr aufpassen. Aber ich vertraue auf unsere Ärzte, die sich da auskennen. Ich hoffe, dass wir damit die Erkältung in den Griff bekommen. Denn morgen geht es los mit der Kletterei in den Alpen. Vier Gipfel und die Bergankunft stehen auf dem Programm. Wenn es meine Krankheit nur irgendwie hergibt, werde ich meinen Job bei der Begleitung und Versorgung Gilberto Simonis möglichst lange erfüllen. Er ist gut drauf. Unsere Bergspezialisten Evgeni Petrov und Marius Sabaliauskas sollten ihn bis zu den letzten Steigungen unterstützen können, dann hat er echte Chancen, sich vorne platzieren. Bei mir ist die Frage, wie gut die Beine dann noch sind. Zum Schluss muss ich eben zusehen, dass ich irgendwie ins Etappenziel komme. Bei der Erkältung bleibt mir nichts anderes übrig, als von Tag zu Tag zu denken. Hoffentlich spüre ich bald Besserung. Das würde die letzten Etappen bis Paris ein wenig leichter machen. Und Paris will ich auf dem Rad erreichen.
Unser Training heute führte ins Künstlerviertel von Avignon. Gilberto Simoni liebt es, bei den lockeren Ruhetagsrunden Kultur einzubinden. Wir haben dann auch noch im Café gesessen. Es sieht zwar etwas merkwürdig aus, wenn im touristischen Umfeld eine rote Gruppe mit roten Rennrädern aufkreuzt. Aber zur Zeit der Tour de France ist das hier fast normal. Für den Teamgeist sind solche Runden gut. Ich saß heute aber wie auf heißen Kohlen und das nicht, weil mein Po nach wie vor ziemlich lädiert ist. Ich wollte einfach die Zeit mit meiner Freundin Melanie nutzen. Sie ist mit Freunden aus Steinhagen angereist, um mich moralisch zu unterstützen. Das tut gut.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
14.Etappe
"Ich will in Paris ankommen"
NÎMES, 18.07.04 -
Die Etappe heute war nach dem üblichen nervösen Beginn zum Glück ruhiger. Wenn Ihr die Fernsehbilder gesehen und Euch gewundert habt, warum einer im Saeco-Trikot so viel Wiegetritt gefahren ist
Das war ich. Denn Sitzen ging fast gar nicht. Und trotz der Erkältung konnte ich das Tempo halten. Als 41. im Ziel und 68. im Gesamtklassement bis ich sehr zufrieden mit mir.
Nach der tollen Bergetappe gestern, war ich eigentlich zuversichtlich. Doch heute Morgen spürte ich die Quittung für meine gute Leistung rauf zum Plateau de Beille. Die Erkältung ist voll ausgebrochen, sogar mit leichtem Fieber. Und die Sitzbeschwerden haben sich von der geheilten rechten nun auf die linke Seite verlagert. Ich habe drei Gründe gehabt, für die heutige Etappe nicht aufs Rad zu steigen. Aber ich fand vier Gründe, doch loszufahren!
Zwei Tour-Wochen habe ich überstanden, also werde ich die dritte auch noch schaffen. Ich will in Paris ankommen. Mit dem Ziel bin ich hier gestartet, und dieses Ziel will ich erreichen.
Außerdem braucht mich mein Team. Drei von uns mussten schon aussteigen. Gilberto Simoni kann auf keinen mehr verzichten. Er ist so gut drauf und braucht uns. Ich bin sicher, dass er in die Top-Ten fahren wird.
Morgen ist Ruhetag. Wir werden drei Stunden locker ausfahren. Den Rest des Tages kann ich mich erholen und auskurieren. Meine Freundin Melanie wird mit einigen Freunden aus OWL nach Nimes kommen. Aber nicht, um mich abzuholen, sondern um mich aufzubauen. Darauf freue ich mich. Sie geben mir neue Moral, es nach Paris zu schaffen.
Ohnehin tut es gut, so viele Freunde und Fans hinter sich zu wissen.
Euer
Jörg Ludewig
13.Etappe
"...dann weißt Du, warum Du Dich da hinaufquälst"
Foto: Roth
|
PLATEAU DE BEILLE, 17.07.04 -
Das war hart heute, aber auch erfolgreich. Mein 44. Platz war super. Ich war lange ganz vorne dabei und habe meinen Kapitän Gilberto Simoni begleitet. Der Chef hat heute wieder gezeigt, dass er der Chef ist und in die Top-Ten gehört. Für ihn zu arbeiten, war richtig Anschlag. Am vorletzten Berg, und das war einer der ersten Kategorie, hab ich noch mal Getränke geholt, bin auf der Abfahrt wieder nach vorne gerollt. Am nächsten Anstieg war keine Kraft für die Spitze mehr da. Ich konnte zum Glück in einer 20-Mann-Gruppe gut mitrollen und ein wenig verschnaufen.
Alle Berge habe ich mit heute morgen genau im Profil angesehen, nur den Schlussanstieg nicht. Da kommst Du schon irgendwie hoch, hatte ich gedacht. Doch dann zog sich die Strecke doch länger hin als ich dachte. Das tat richtig weh. Ich will dann nicht zurückschalten und mich ins Gruppetto ans Ende zurückfallen lassen, schließlich bin bei der Tour de France. Und wenn Dich dann am Berg Fans aus Deiner Heimatstadt oder aus Ostwestfalen anfeuern, weißt Du, warum Du Dich da hinaufquälst. Kraft für einen Sprint auf den noch kommenden Flachetappen sparen? Da habe ich sowieso keine Chance. Aber am Berg kämpfen, das bringt Dich auch menschlich weiter.
Wir sind heute bei supergeilem Wetter gefahren. Meine Erkältung wird aber immer schlimmer. Viele Fahrer im Feld haben mit den verschiedensten Wehwehchen zu kämpfen. Leider musste heute mein Zimmerkollege Gerrit Glomser aufgeben. Wegen der Sturzverletzungen konnte er nie richtig schlafen. Dann macht irgendwann der Körper schlapp. Zumal neben der Fahren der Etappe auch der Rest ziemlich stressig ist. Heute Morgen mussten wir mit unserem Teambus 70 Kilometer vom Hotel zum Start anreisen. Im Tour-Verkehrsgewühl standen wir dann im Stau und kamen ziemlich in Hektik an den Start. Nach der Bergankunft mussten wir auf dem Rad den Berg noch hinunter. Unten stand der Bus, wo wir duschen und uns umziehen können. Und dann noch 60 Kilometer ins Hotel. Unser Team umsorgt uns Fahrer zwar prima, trotzdem stehst Du den ganzen Tag unter Strom. Koffer rein, Koffer raus, Essen, Fahren. Da genieße ich die kleinen Entspannungsmomente zum Beispiel die Telefonate mit meiner Familie und meiner Freundin Melanie.
Euer
Jörg Ludewig
12.Etappe
"Ein absolut irrer Tag"
LA MONGIE, 16.07.04 -
Ein absolut irrer Tag. Wir sind bei 34 Grad und Sonne losgefahren. Und dann am Col d Aspin Regen und ein Temperatursturz auf 19 Grad. Es scheint, als ob dieser Wetterumsturz Jan Ullrich die Hoffung auf den Tour-Sieg gekostet hat. Wir haben unterwegs schon getippt, wie viel Zeit Ulle verlieren wird, als die dunklen Wolken am Horizont aufgetaucht sind. Er ist bekanntermaßen kein Regenfahrer. Lance Armstrong hat heute den starken Eindruck bestätigt. Fair fand ich auch, wie er dann Ivan Basso den Etappensieg überlassen hat. Positiv überrascht hat mich Andreas Klöden, er hat sich sportlich und menschlich toll entwickelt. Und wie bei Ullrich scheint auch bei Tyler Hamilton die Spannung raus zu sein, schade, denn er ist ein wirklich netter Typ.
Nun zu uns Saecos: Wir können absolut zufrieden sein. Gilberto Simoni hat sich super gehalten, obwohl auch er keiner ist, der im Regen besonders gut fährt. Auf der Abfahrt vom Col dAspin hat er gefroren, und dann kam noch eine kleine Hungerattacke dazu. Dafür war der 12. Platz super. Seine Moral ist gut. Unsere Arbeit bisher scheint sich gelohnt zu haben. Und auch heute haben wir unseren Kapitän gut begleitet. Petrov und Sabaliauskas als unsere Bergspezialisten war auch an den Anstiegen noch ziemlich lange bei ihm. So haben wir noch weiter Chancen aug bessere Resultate.
Ich bin mit meiner Arbeit heute sehr zufrieden. Als 64. mit nur 12 Minuten Rückstand im Ziel, das schaffst Du bei einer solchen Etappe nur mit guten Beinen. Meine Sitzprobleme sind noch erträglich. Unterwegs habe ich mich fünf Mal vom Tourarzt mit Salbe versorgen lassen. Die morgige Etappe schätze ich zwar als schwerste dieser ganzen Tour ein, aber ich bin zuversichtlich.
Zum irren Gefühl haben heute auch die Zuschauer beigetragen. Wir sind an den Anstiegen durch ein enges Spalier gerollt. Total verrückt. Die Leute feuern Dich an, egal für welches Team Du fährst. Franzosen, Spanier, Deutsche, Holländer sie haben zwar die Trikots ihrer Lieblingsteams an, feiern aber friedlich und freuen sich miteinander. Das ist Radsport.
Euer
Jörg Ludewig
11.Etappe
"Es gibt immer was zu tun"
FIGEAC, 15.07.04 -
32 Grad, kein Wölkchen am Himmel. Die Stimmung steigt. Heute lief es wieder viel besser. Sonst hätte ich das Tagespensum auch nicht geschafft. Wir hatten zwar nur 164 Kilometer, aber dafür mussten wir zweimal Löcher zufahren. Als die erste 40-Mann-Gruppe davon fuhr und Gilberto Simoni nicht dabei war, wurde vom Teamleiter unser roter Express nach vorne beordert. Da musst Du nen 60er Schnitt halten. Und kaum waren wir im Feld, da riss an der Windkante wieder ein Loch auf. Zum Glück war McEwen auch hinten, so haben die Lottos das Tempo mit hochgehalten. Die beiden Manöver waren voller Anschlag, das tut richtig weh. Und kaum bis Du im Feld, rollt es fast von allein. Aber die Erholungsphasen sind nur kurz. Es gibt immer was zu tun, Flaschen holen, Essen besorgen ...
An einem Tag wie heute merkt man auch wieder, wie wichtig die Beobachtung der Pulsfrequenz ist. Bei mir ist der Ruhepuls bei 34. Wenn wir dann Anschlag fahren, schießt er auf bis zu 198 hoch, bei normaler Tour-Belastungen sind es dann 150 oder 160. Und wenn es mal im Feld oder auf einer Abfahrt Erholungsphasen gibt, bedeutet das einen Puls von unter 100 Schlägen. Mein Polar-Herzfrequenzmesser ist das beste, was ich mir vorstellen kann. Wir haben jetzt die allerneuesten Nokia-Handys dazu bekommen. Damit können wir die tagsüber aufgezeichneten Werte wie Herzfrequenz, Geschwindigkeit, Trittfrequenz und anderes auch direkt als MMS zum sportlichen Leiter oder zum Teamarzt zur Auswertung übertragen. Außerdem habe ich gerade einen supergeilen Polar-Prototypen zum Testen bekommen. Ein solches Bonbon versüßt Dir natürlich die Quälerei hier. Wenn wir abends unsere Werte vergleichen, sieht man erst, wie schonend ein Kapitän wie Gilberto Simoni an die entscheidenden Etappen herangeführt wird. Der liegt am Tag keine zehn Minuten über der anaeroben Schwelle. Morgen mit den ersten richtigen Bergen beginnt dann die Phase der Wahrheit für ihn. Ich hoffe, dass er gut drauf ist und seine Form in Leistung umsetzen kann.
Zum Schluss noch ein Gruß an Rene Haselbacher und Matthias Kessler. Beide hat es ja bei den Stürzen schlimm erwischt. Jungs, ich wünsche Euch gute Besserung und hoffe, dass wir bald wieder zusammen Rennen fahren können.
Euer
Jörg Ludewig
10.Etappe
"Dicker Hals im doppelten Sinne"
SAINT-FLOUR, 14.07.04 -
Heute habe ich einen dicken Hals im doppelten Sinne. Morgens bin ich mit Halsschmerzen aufgewacht. Woher die so plötzlich kommen, ist mir schleierhaft. Aber das ist halt auch ein Tourphänomen: Du gibts hier leistungsmäßig alles, und dann ist der Körper gegen solche Kleinigkeiten nicht mehr widerstandsfähig. Ich hoffe, dass es nicht schlimmer wird.
Auch sonst war der Tag heute zum Abhaken. 250 Kilometer saßen wir heute im Sattel. Bis zur schwersten Bergprüfung war ich an der Spitzengruppe dran, dann konnte ich das Loch von nur 50 Metern doch nicht zufahren. Es lief heute einfach nicht so rund, die Beine waren nicht frisch genug.
Als Tüpfelchen auf dem negativen i hatte ich heute zusätzlich einen Defekt am Rad. Das muss unterwegs passiert sein. Ein kleines Plastikteil hat sich gelöst und schliff übel am Kettenblatt. Ich ärgere mich, dass ich das erst im Ziel gemerkt habe. Da habe ich auf dieser langen Etappe zusätzlich Kraft vergeudet.
Auf meine Platzierung heute 81. und die gut 24 Minuten Rückstand kommt es ohnehin nicht an. Wichtig aus Teamsicht ist Kapitän Gilberto Simoni, und der hat heute gut mit den anderen Spitzenfahrern mitgehalten. Sieger Richard Virenque hat eine grandiosen Etappe hingelegt. Klasse, dass er gerade auf der längsten Strecke mutig alles auf eine Karte setzt. Wie er die Mitausreißer abgehängt und allein die schweren Bergwertungen genommen hat, muss man anerkennen.
Ich dagegen hatte heute das Gefühl, dass die Tour zur Höllentour wird und mich in die Knie zwingen will aber das schafft sie nicht. Im Moment liege ich der Massagebank und lasse mich durchkneten in der Hoffnung, dass morgen Power und runder Tritt zurückkommen.
Euer
Jörg Ludewig
9.Etappe
Tour-Euphorie trotz Wermutstropfen
GUERET, 13.07.04 -
Nach dem Ruhetag sind die Beine gut erholt. Die Etappe war kurz und nicht zu schwer. Das Wetter ist wärmer, ein paar Sonnenstrahlen kamen durch. So langsam stellt sich bei mir doch die Tour-Euphorie ein. Ich selbst habe heute auf den ersten 30 Kilometern vier, fünf Attacken vorne mitgefahren, weil ich mich einfach danach fühlte. Fast bedauere ich es, nicht mit den Ausreißern aus dem Feld gesprungen zu sein, vielleicht hätte es klappen können. Doch die Teamaufgabe geht vor. Unsere Mannschaft hat heute wieder harmoniert und Gilberto Simoni gut, Kräfte schonend und ohne Zeitverlust ins Ziel gebracht.
Der heutige Rennausgang war Radsport-Spannung pur. Das Katz-und-Maus-Spiel der Sprinterteams hat punktgenau funktioniert. Wie die Anwärter aufs grüne Trikot 50 Meter vor dem Ziel Landaluze und Simeoni förmlich überrollt haben, war allerdings schade. Ich hätte es den Ausreißern gegönnt. Denn so eine beherzte Flucht ist für viele von uns im Feld die einzige Chance, eine Etappe zu gewinnen.
Wermutstropfen für unser Team ist natürlich die Entscheidung der Tour-Offiziellen, Stefano Casagranda aus dem Rennen zu nehmen. Da gräbt ein italienischer Journalist drei Jahre alte Verfahren aus, gegen die man sich nicht wehren kann. Und allein solche unbewiesenen Verdächtigungen reichen aus, nach Danilo die Luca auch Stefano Casagranda zu diskreditieren. Dabei wird mit zweierlei Maß gemessen. Denn dieses alte Verfahren betrifft ebenso andere Fahrer. Aber auch das ist halt die Tour. Gewundert haben wir uns über die Form, wie unserem Team die Entscheidung mitgeteilt wurde. Das offizielle Statement hat uns abends um 21.37 Uhr erreicht. Da waren wir schon längst von der Presse ins Bild gesetzt, denn bereits nachmittags hatte zu diesem Thema eine Pressekonferenz stattgefunden.
Ein dickes Dankeschön möchte ich noch an die vielen Freunde und Fans aus Ostwestfalen loswerden, die mir per SMS aufs Handy Power, Glück und gute Beine wünschen. Leute, habt bitte Verständnis dafür und seid nicht böse: Ich kann wirklich nicht jede Nachricht beantworten, sonst säße ich hier abends die ganze Zeit und würde am Handy tippen. Außerdem bekäme ich eine astronomische Handyrechnung, ich fahr ja nicht bei T-Mobile... Aber Eure guten Wünsche helfen, dieses schwerste Radrennen der Welt durchzustehen. Die morgige Etappe wird ein erster wirklicher Härtetest. 237 Kilometer mit knackigen Anstiegen bis rauf auf fast 1600 Meter. Drückt uns Saecos die Daumen!
Euer
Jörg Ludewig
Erster Ruhetag
"Sofort geht es einem besser"
LIMOGES, 12.07.04 -
Was ein solcher Ruhetag doch ausmacht. Ich habe super geschlafen, es geht sofort besser, die Massage hat gut getan,
die Moral im Team ist prima und das Training machte trotz des kalten Wetters richtig Spaß. Da
ich in den letzten Tagen Sitzprobleme hatte, haben sich die Mechaniker meinen Sattel vorgenommen
und ein bisschen Carbon im Unterbau weggeflext. Jetzt ist er flexibler und drückt
nicht mehr. Danke Jungs! Überhaupt ist dies ein Tag, an dem einem die
vielen Helfer im Team wieder bewusster werden. Ohne sie könnten wir unsere
Leistung nicht bringen. Sie stehen eine Stunde vor uns auf und sind
abends erst nach uns im Bett. Die Mechaniker sorgen dafür, dass die Räder
auch nach einer Regenfahrt wieder aussehen wie neu und technisch top sind. Die Pfleger und Masseure
kümmern sich um unser Wohlbefinden, auch um das Waschen der Rennkleidung, das Einkaufen und das
Essen, das dann von einem Koch der Tour nach unseren Wünschen zubereitet wird.
An Renntagen dominieren morgens bei mir Haferflocken, über Nacht in Wasser eingeweicht.
Die vertrage ich gut und die Energie wird über lange Zeit kontinuierlich freigesetzt.
Nachmittags und abends schaufeln wir Kohlehydrate. Wir haben riesige Mengen Nudeln mit,
dazu werden Fisch und Fleisch, frisches Gemüse, Salat und Obst serviert.
Leider gibt es dieses Jahr nicht den tollen italienischen Apfelkuchen, den ich so
gerne mag. Ganz was Besonderes sind die Müsliriegel von Mama. Da ich einige Nahrungsmittel
nicht vertrage, hat meine Mutter Christiane irgendwann mal begonnen, diese Riegel extra
für mich herzustellen. Die sind echt lecker, nicht zu trocken, nicht zu klebrig und
eignen sich bei jedem Wetter. Zur Tour hat sie mir vier große Kästen mitgegeben.
Seit auch meine Teamkollegen entdeckt haben, wie gut die Riegel schmecken, schwindet
dieser Vorrat zusehends. Bald brauche ich Nachschub aus Steinhagen.
Euer
Jörg Ludewig
8.Etappe
"Die nasse Hose scheuert"
QUIMPER, 11.07.04 -
Heute melde ich mich aus dem Bus zum Flughafen. Wir haben die mal wieder verregnete Etappe gut absolviert. Meine Beine waren viel besser. Ansonsten plagen die normalen Malessen: Nackenschmerzen, weil man die ganze Zeit verkrampft auf dem Rad sitzt und die Finger an der Bremse hat. Die nasse Hose scheuert und macht das Sitzen noch unangenehmer. Trotz allem: Die Moral im Team ist klasse. Vor allem, weil endlich der erste Ruhetag erreicht ist. Gleich fliegen wir rüber nach Limoges. Doch viel Hoffnung auf sommerliches Wetter weiter südlich in Mittelfrankreich machen wir uns nicht: Limoges war gestern Nacht der kälteste Ort Frankreichs. Und ich liebe Radfahren bei 35 Grad
Im vergangenen Jahr waren die beiden Etappen nach dem Ruhetag die schlimmsten überhaupt. Daraus habe ich gelernt. Der Körper hat sich so an Belastung und Schmerz gewöhnt, dass er mit zu viel Ruhe völlig aus dem Rhythmus kommt. So werde ich morgen sicher drei Stunden trainieren. Vielleicht haben wir die Chance, ein bisschen in Kultur zu machen. Ansonsten: Viel Essen, um die Speicher zu füllen, mindestens eine Stunde massieren lassen, den Po gut pflegen, damit ich in der nächsten Woche auch noch gut sitzen kann, die Beine rasieren, Musik hören und einfach mal entspannen. Natürlich werde ich auch viel telefonieren. Denn mit meinen Eltern, meiner Freundin Melanie und Freunden zu sprechen hilft, den Tour-Stress zu bewältigen.
Viele Grüße in die Heimat
Euer
Jörg Ludewig
7.Etappe
Sehnsucht nach dem Ruhetag

Jörg bei der 7.Etappe
Foto: Roth
|
SAINT-BRIEUC, 10.07.04 -
Die erste Tour-Woche haben wir hinter uns. Im Vergleich zu meiner Premiere im vergangenen Jahr fällt mir dieses Mal alles etwas schwerer. Man kann die Streckenführung und insbesondere das miserable Wetter nicht mit der Jubiläumstour vergleichen. Dazu kommt, dass meine Beine nicht so frisch sind, der Nacken schmerzt und das Sitzen auch nicht mehr ganz so einfach ist. Vielleicht spüre ich das auch nur deutlicher, weil die Euphorie sich bei der zweiten Tour-Teilnahme in Grenzen hält. Natürlich ist es das Größte, hier dabei zu sein aber jetzt weiß ich halt, was mich noch erwartet. Ich sehne den Ruhetag am Montag herbei. Aber ein Trost: In den Gesprächen mit anderen Fahrern spüre ich, dass es vielen anderen auch so geht.
Seitenwind, teilweise Regen und ein welliger Kurs haben die heutige Etappe bestimmt. Dabei wurde ein extrem hoher Schnitt gebolzt, teilweise hatten wir in der Ebene 60 und mehr auf dem Tacho. Für mich wars doppelt schwer, weil wir uns heute nur zu dritt um Gilberto Simoni gekümmert haben. Die anderen Teamkollegen haben sich etwas geschont. Gilberto hat sich bei dem Massensturz gestern nicht ernsthaft verletzt, nur ein paar Schürfwunden. Zum Glück. Unser erstes Ziel, ohne großen Rückstand in die Berge zu kommen, scheint erreichbar. Dann kann Gilberto zeigen, was der draufhat.
P.S: Ich grüße alle Radsportfans in Ostwestfalen und in meinem Trainingsrevier rund um Osnabrück
Euer
Jörg Ludewig
6.Etappe
"...nur ein Fahrrad abbekommen"
ANGERS, 09.07.04 -
Bis zur 1000-Meter-Marke war das Rennen heute optimal. Dann dieser brutale Sturz im Feld ganz vorne. Ich hab in dem Chaos nur ein Fahrrad abbekommen, jetzt ist mein linkes Knie etwas dick. Böse erwischt hat es Gilberto Simoni, der auf die linke Seite stützte, und sich Schürfwunden zuzog. Sieht auf den ersten Blick ziemlich blutig aus. Wir müssen mal abwarten. Schade, er war so gut drauf. Auch meinen Zimmerkameraden Gerrit Glomser hat es wieder hingehauen. Der war aussichtsreich zum Spurt in der Spitze und ging sofort zu Boden. Die ersten Sturzwunden kaum verheilt, und schon wieder neue. Wir haben zum Glück einen klasse Doktor und gute Masseure und Pfleger, so dass die Wunden bestens versorgt werden und erstaunlich gut heilen. Ich kenn das, wenn Du erst mal wieder auf dem Rad sitzt, vergisst Du die Schmerzen schnell. Das größte Problem ist die Nacht. Wenn Du auf den Wunden nicht vernünftig schlafen kannst und Du von Schmerzen immer wieder wach wirst. Wenn Dir bei der Tour dann nur jede Nacht ein paar Stunden Schlaf fehlen, bricht schnell die Leistung ein.
Auf der Strecke hat es heute wieder richtig Spaß gemacht. Wir sind gut gruppiert sehr mannschaftsdienlich gefahren. Ich fühle mich um Einiges besser. Wenns nicht regnet, ist die Laune gleich besser, ich bekomme besser Luft und sitze auch nicht so verkrampft auf dem Rad. Und die Menschenmassen an der Strecke wirken zusätzlich motivierend.
Das Finale hat das Glück des Tages jedoch schnell relativiert. Einziger Trost: Da der Sturz auf den letzten 1000 Metern passierte, wird das gesamte Feld mit der gleichen Zeit gewertet. Drückt meinem Kapitän Gilberto Simoni und meinem Freund Rene Haselbacher, der nach dem Sturz noch lange dort lag, und all den anderen Verletzten die Daumen für eine schnelle Heilung
Euer
Jörg Ludewig
5.Etappe
"Wasserträger im strömenden Regen"
CHARTRES, 08.07.04 -
Während ich heute in Sachen Tourtagebuch telefoniere, stehe ich unter der Dusche. Unser Mannschaftsbus verfügt über zwei Duschen. Und nach solch einem Regentag gibt es nichts schöneres, als im Ziel frierend vom Rad zu steigen, gleich unters warme Wasser springen zu können und anschließend trockene Klamotten überzuziehen.

Jörg beim Einschreiben am Donnerstag
Foto: Roth
|
So viel Regen wie dieses Jahr habe ich in meiner Profilaufbahn noch nie erlebt: Die Frühjahrsklassiker in Belgien, Bayerntour, Deutschlandtour, Tour des Suisse und bisher auch die Tour de France. Die Etappe heute war von den Wetterbedingungen geprägt. Anfangs sehr nervös wegen des Seitenwinds, zum Ende anstrengend wegen des strammen Gegenwinds. Und der Regen macht es zusätzlich gefährlich.
Zum Glück konnten wir uns heute aus den Stürzen raushalten. Wir haben Gilberto Simoni optimal beschützt und versorgt. Er hat wirklich tollen Druck auf dem Pedal. Und wenn er die nächsten Tage gut mitrollt, sind seine Chancen in den Bergen nicht schlecht. Ich selbst merke, dass meine Beine in diesem Jahr nicht so frisch sind, wie im Vorjahr. Jacke für den Kapitän holen, Essen und Getränke am Ende des Feldes beim Mannschaftwagen einpacken und durchs Feld nach vorne bringen mein Job als Wasserträger im strömenden Regen fiel mir heute schon schwer. Im Hauptfeld sind wir mit 12:33 Rückstand ins Ziel gekommen, ich war 61., aber das ist nach einem Tag wie heute relativ uninteressant.
Stuart O'Grady gönne ich den Sieg. Er ist ein cooler Typ und ein guter Kumpel. Wie die Fünf da vorne 180 Kilometer lang weggefahren sind, und er zum Schluss noch Reserven mobilisieren konnte, war schon bravourös. Aber es gibt halt diese Tage, da lässt das Feld die Ausreißer ziehen. Im Regen hatte keiner große Lust, sich bei der Nachführarbeit ein Bein auszureißen.
Auf Sonne in Frankreich wartet
Euer
Jörg Ludewig
4.Etappe
"Schon etwas frustrierend"
ARRAS, 07.07.04 -
Unser roter Express ist heute gut gerollt. In unserer Saeco-Mannschaft lief es sehr homogen und harmonisch. Letztes Jahr als 17. unter ferner liefen, heute ein 9. Platz im Mannschaftszeitfahren. Wir haben einen Schnitt von rund 50 km/h gehalten. Trotzdem haben wir uns 1:30 Rückstand eingefangen. US Postal fährt halt in einer anderen Welt. Respekt vor dieser Leistung.
Ich selbst habe meine Aufgabe im Team heute gut erfüllt und bin zufrieden. So langsam komme ich in Tritt und fasse Moral. Kurz: Der Tour-Trott stellt sich ein.
Wind und Regen waren heute unangenehme Begleiterscheinungen. Aber immerhin waren die Bedingungen für alle gleich schlecht. Dass bei nasser Strecke immer ein hohes Risiko besteht, musste Gilberto Simoni schmerzlich erfahren, als ihm das Vorderrad in der letzten Kurve wegrutschte und er stürzte. Wir hatten gehofft, dass er dennoch mit der Mannschaftszeit gewertet würde, da es auf den letzten 1000 Metern passierte. Lange Zeit haben wir durch den Modus nicht durchgeblickt. Dann die Nachricht, dass er mit 2:42 Rückstand gewertet wird das ist schon etwas frustrierend. Aber wir werden uns nicht unterkriegen lassen. Ich hoffe nur, dass die nächste Tage nicht mehr verregnet sind, denn Rennen fahren macht mir bei Sonne viel mehr Spaß.
Euer
Jörg Ludewig
3.Etappe
"Bergflöhe kamen entgegen gehüpft"
WASQUEHAL, 06.07.04 -
Mag das Kopfsteinpflaster aus dem Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix ein noch so großes Stück
Radsporthistorie sein: Ob es am vierten Tag
der Tour de France sein muss...? Das befürchtete Chaos jedenfalls ist heute eingetreten. Aber die Tour ist die Tour,
Du musst sie nehmen, wie sie kommt egal ob Kopfsteinpflaster oder die Anstiege, die
uns noch erwarten.
Aus Teamsicht hatten wir heute Glück im Unglück. Mit den beiden Kopfsteinpflasterstrecken
war der Rennausgang eher ein Lotteriespiel. Das Klassement jedenfalls hat es ordentlich
durcheinander gewirbelt. Viele der spanischen Favoriten haben
heute die Tour schon verloren. Vor dem ersten Pavés-
Stück hat es das Feld auseinandergesprengt. Jeder will eine gute Position
für die Einfahrt zum Kopfsteinpflaster erkämpfen. Dann haut es einen hin... Vier von
uns sind auch gestürzt, ich musste durch die Wiese. Und in dem Moment hat
US Postal vorne angezogen. Obwohl auch hinten fast nur Tempo 50, 55 gebolzt wurde,
haben wir uns bis ins Ziel fast vier Minuten eingefangen. Wenn Du das
Kopfsteinpflaster erst mal erreicht hast, ist es gar nicht mehr so
schlimm: Du wirst irre durchgeschüttelt, denkst ständig nur nicht stürzen und keinen
Platten oder einen anderen Defekt einhandeln und musst Dich wahnsinnig konzentrieren, aber
mit meinem Gewicht kann ich das Rad gut auf Kurs halten. Da
kommen Dir die leichten Bergfahrer aus Spanien entgegengehüpft wie Springbälle.
Meine
heutige Platzierung als 103. ist völlig unwichtig. Was zählt ist das Team:
Wir konnten unseren Kapitän Gilberto Simoni in die ersten Gruppe fahren. Er bleibt im
Gesamtklassement mit weniger als einer Minute Rückstand in Schlagdistanz. Noch schlechter als
mir ging es Stefano Casagranda, der nach seinem gestrigen Sturz schon wieder Pech hatte.
Und mein Zimmerkollege Gerrit Glomser, gestern 9., kam nach Sturz mit 15 Minuten Rückstand
am Ende des Feldes an. Jetzt müssen wir alle die paar Stunden nutzen, um zu
regenerieren. Das Mannschaftszeitfahren morgen wird total hart.
Euer
Jörg Ludewig
2.Etappe
"Stimmung in der Bude"
NAMUR, 05.07.04 -
Danke fürs Daumen drücken: Der angekündigte Regen ist heute ausgeblieben. Ich fühle mich gleich wohler. Die Beine sind noch nicht brillant, aber deutlich besser, die Schuhe passen jetzt auch. Als die Sechsergruppe bei Kilometer 10 aus dem Feld gesprintet ist, war ich gerade vorne. Ich habe kurz überlegt, aber mir dann gesagt: Nichts übertreiben. Und richtig: Nach 164 Kilometern hat das Feld sie wieder eingefangen. Das ist in den ersten Tour-Tagen so. Zu 99,9 Prozent werden Ausreißer gestellt. Also wenn, dann hat Du in der zweiten und dritten Wochen bessere Chancen.
Das Feld ist nach wie vor super nervös. Die Stürze haben sich leider auch fortgesetzt. Gian Matteo Fagnini von Domina Vacanze musste im Krankenwagen abtransportiert werden. Mein Teamkameraden Stefano Casagrada hatte mehr Glück. Ihn erwischte es bei Tempo 55 auf einer Abfahrt. Immerhin konnte er auf dem Rad noch ins Ziel fahren. Mal abwarten, was der Arzt sagt. Ziemlich schlimm hat es dann auch im Massensprint Arvesen und Casper zerlegt. Die Sprinter haben halt nur wenige Chancen auf einen Etappensieg und gehen dabei ein hohes Risiko.
Mein Zimmerkollege Gerrit Glomser ist im Sprint 9. geworden und das ohne Teamunterstützung. Alle Achtung. Da ist die Stimmung auf unserer Bude heute gleich besser. Im Feld sind wir mit der gleichen Zeit gewertet. Als 61. der Etappe war ich heute dabei. Im Gesamtklassement ändert sich nichts.
Morgen wird es richtig ernst. Wir fahren Passagen der Flandernrundfahrt mit fünf Kilometer Kopfsteinpflaster. Wenn Du Dir da nen Platten holst und das Feld vorne weiter reinhält, bis Du abgehängt. Selektiv ist die Mauer von Geraadsbergen, die kennt hier in Flandern jedes Kind. Morgen werden da wieder Publikumsmassen strehen. 19 Prozent Steigung! Sehr spektakulär, aber mehr für die Zuschauer, als für uns Rennfahrer. Da haben mich bei der Flandernrundfahrt die Verfolger einholt. Ich glaube nicht, dass mir morgen dieses Risiko droht. Denn ich werde wohl nicht zu irgendwelchen Ausreißern gehören. Die Tour ist noch lang, nicht jetzt schon die Körner raushauen.
Euer
Jörg Ludewig
1.Etappe
"Ich bin ja wirklich keine Mimose, aber..."
CHARLEROI, 04.07.04 -
Ich habe oft genug bewiesen, dass ich keine Mimose bin. Aber heute habe ich selbst begonnen, an mir zu zweifeln. Dies war eine meiner härtesten Touretappen überhaupt. Ich merke deutlich, dass ich noch nicht in Tritt gekommen bin. Und wenn es noch nicht rund läuft und ein bisschen Kraft fehlt, beginnen dich plötzlich auch Kleinigkeiten zu stören. Neue Schuhe beispielsweise, die sich unter Volllast halt anders am Fuß anfühlen, als die schön eingetretenen. Oder das Kilo Mehrgewicht, das ich an meinem Rad durch die Leistungsmessanlage und die Übertragungseinheit unter dem Sattel mitschleppe. Sonst würde ich über so was nur lächeln, aber heute hat es mich echt genervt. Übel war natürlich das Wetter: Regen und viel Wind. Wenn der Körper auf einer Abfahrt plötzlich zu frieren beginnt, fördert das nicht unbedingt die Leistung. Bei hoher Luftfeuchtigkeit ist meine Sauerstoffaufnahme eingeschränkt. 50 Kilometer vor dem Ziel war mein Akku fast leer. Aber dann ging es mit dem Tempo und es wurde zum Glück trockener. Der Zielstrich war wie eine Erlösung. So schwer ich subjektiv diesen Start in die Tour empfinde, objektiv läuft es deutlich besser als im Vorjahr. Als 88. der Etappe gab es nur 8 Sekunden Rückstand. Als 133. im Gesamtklassement merkt man, dass auch andere sich noch einrollen müssen.
Im Team läuft es gut. Gilberto Simonis ist gut mitgerollt. Zwei sind zum Schutz ständig bei ihm, zwei dazu gehöre auch ich - kümmern sich um Verpflegung und Getränke. Aus den Problemen konnten wir uns raushalten. Als nach einem bösen Sturz das Feld auseinander gerissen ist, haben wir als rote Feuerwehr" das Loch von ein paar hundert Metern wieder zugefahren. Also habe ich meinen Job erfüllt. Wir wollen Simoni gut in die Berge bringen, damit der dort zeigen kann, was der draufhat.
Für die morgige Etappe ist Dauerregen angekündigt. In Verbindung mit dem Wind heißt das dann wieder: 200 Kilometer ständig aufpassen. Ich hoffe, es wird nicht ganz so schlimm.
Drückt mir die Daumen, dass die Tour bald von Sonnenschein begleitet wird. Dann wird es für mich einfacher.
Euer
Jörg Ludewig
Vor dem Start
"Endlich ist es soweit"
LÜTTICH, 02.07.04 -
Es ist soweit! Der Tag vor dem Start. Ich fühle mich gut. Das Material ist wieder vom Allerfeinsten. Auch wenn das »nur« unser Arbeitsgerät ist, ich fühl mich jedes Mal so, als ob Weihnachten ist.
Los geht es am Samstag mit dem Prolog. Da werden die großen Tourfavoriten Lance Armstrong und Jan Ullricht sich zum ersten mal abtasten. Der Kurs ist was für Zeitfahrspezialisten. Für mich heißt es nur: nichts riskieren, gut durchkommen. Die Platzierung ist relativ egal. Auf den sechs Kilometern wird das Rennen ohnehin nicht gewonnen.
Richtig Respekt habe ich vor Sonntag. Wir haben uns die Strecke von Lüttich nach Charleroi angesehen. Das ist echt brutal, durchsetzt mit Kopfsteinpflaster. Bei der Flandernrundfahrt mag das ja o.k. sein. Da weißt Du als Starter, was Dich erwartet. Aber bei der Tour de France... Wir werden höllisch aufpassen müssen, denn viele Südländer kennen solche Bedingungen kaum. Das heißt: höchste Sturzgefahr. Wenn dann noch alle am ersten Tag zeigen wollen, was sie draufhaben, wird es im Feld zusätzlich nervös. Dann musst Du reintreten, um dran zu bleiben, aber gleichzeitig immer den Finger an der Bremse haben. Hoffentlich gibt's nicht noch Regen dazu.
Trotz allem: Ich freu mich, dass ich wieder dabei bin und es endlich los geht. Drückt mir die Daumen!
Euer
Jörg Ludewig
Diesen Artikel versenden
|