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Interview mit Levi Leipheimer
"Ich kann aufs Tour-Podium kommen"

BRÜHL, 28.11.04 (rsn) - Als man bei Gerolsteiner im Spätsommer einen zweiten Mann fürs Tour de France-Klassement suchte, wurde man schnell fündig: Der Amerikaner Levi Leipheimer, der zwei Mal schon bei der "Großen Schleife" unter die ersten Zehn fuhr, wollte von Rabobank weg und suchte eine neue Herausforderung. Die Mineralwassertruppe ("great momentum") schien ihm genau richtig. Im Interview mit RADSPORT-NEWS.COM spricht der 31-Jährige über die Gründe seines Wechsels, über seine Ziele, über den Armstrong-Effekt im amerikanischen Radsport und darüber, warum er deutsche Fans mag.

RADSPORT-NEWS.COM: Levi, Rabobank hätte Sie gern gehalten. Sie wollten aber unbedingt das Team wechseln. Warum?

Leipheimer: Ich wollte für mich einen Neuanfang machen. Ich wollte eine neue Umgebung, um daraus neue Motivation zu ziehen. Ein neues Team ist auch eine neue Herausforderung. Ich brauchte mal einen Wechsel, um mich weiter zu verbessern. Ich habe in den letzten drei Jahren eine Menge gelernt. Aber ich habe auch Fehler gemacht. Und es ist großartig, wenn man einen Neubeginn (start all over fresh) machen kann.

Foto: Roth
RADSPORT-NEWS.COM: Warum Gerolsteiner?

Leipheimer: Was mir an dem Team gefällt ist, dass es ein ziemlich neues Team ist. Sie haben hier neue Ideen. Das Team sieht den Radsport so wie er heute ist. Ich will damit nicht sagen, ein anderes Team ist altmodisch. Aber wie gesagt, ich wollte etwas neues probieren und Gerolsteiner ging sehr schnell like this (zeigt mit der Hand nach oben). Die Mannschaft hat eine Menge Schwung (momentum). Ich denke, es ist großartig, Teil davon zu sein.

RADSPORT-NEWS.COM: Der momentum eines Teams, das ist sehr amerikanisch.

Leipheimer: Ja, vielleicht würde man in Europa das eher Moral nennen. Momentum, das ist die mentale Energie, wissen Sie?

RADSPORT-NEWS.COM: Was ist Ihr persönliches Ziel nächstes Jahr?

Leipheimer: Die Tour de France. Ich bin die Tour jetzt zwei Mal gefahren und beide Male habe ich sie unter den ersten Zehn beendet (2002 Achter, 2004 Neunter, die Red.). Diese Erfahrung dieser Resultate will ich als einen Schritt nutzen. Ich weiß, dass ich unter die ersten Fünf kommen kann. Und mit ein bißchen Glück kann ich auch aufs Podium kommen.

RADSPORT-NEWS.COM: Das ist ein großes Ziel.

Leipheimer: Ja. Aber ich muss mir ein so hohes Ziel setzen. Ich war ja schon Achter, das ist ein tolles Ergebnis. Aber mein Ziel kann jetzt nur sein, dass ich mich weiter verbessere.

RADSPORT-NEWS.COM: Ihr Teamkollege Georg Totschnig hat das gleiche Ziel bei der Tour. Drohen da nicht Probleme?

Leipheimer: Nein, überhaupt nicht. Georg ist ja kein (Sieg-)Favorit und ich auch nicht. Wir sind nicht Lance Armstrong oder Jan Ullrich. Bei uns fahren ja nicht acht Mann für einen. Wir haben Danilo Hondo für die Sprints, andere Fahrer werden in Ausreißergruppen etwas versuchen. Georg und ich können unser eigenes Rennen fahren, ohne dass wir uns in die Quere kommen. Wenn einer von uns ganz stark ist, sagen wir das Podium in Reichweite, dann können wir uns gegenseitig helfen. Und außerdem nimmt es den Druck für uns beide etwas. Fürs Team ist es eine Sicherheit: wenn einer von uns nicht so gut ist, ist da noch ein zweiter.

RADSPORT-NEWS.COM: Sie werden Ihre Saison ganz auf die Tour de France ausrichten?

Leipheimer: Ja. Ich werde dieses Jahr etwas später anfangen, um im Juli mehr Kraft zu haben. Im März war ich noch nie stark. Aber es gibt schon ein paar Rennen wie Romandie oder Baskenland, das sind gute Rennnen für mich. Vielleicht springt da ein gutes Resultat heraus.

RADSPORT-NEWS.COM: Auf welches Resultat Ihrer Karriere sind Sie am meisten stolz?

Leipheimer: Natürlich die Vuelta 2001. Es war meine erste große Rundfahrt und ich wurde Dritter. Kurz darauf bei der Straßen-WM habe ich die Medaille (im Einzelzeitfahren) ganz knapp verpasst. Danach bin ich zu Rabobank gewechselt. Sie wollten mich als Klassementfahrer bei der Tour de France. Ich war die ja noch nie gefahren und plötzlich bin ich da der Leader eines großen Teams! Und ich werde auf Anhieb Achter. Achter, das ist vielleicht nicht so großartig, aber angesichts der Umstände...

RADSPORT-NEWS.COM: Warten Sie mal: Tour de France-Achter ist not that great...?

Levi Leipheimer
Geb. 24.Oktober 1973 in Santa Rosa (Kalifornien/USA)

Profi seit 1997
Teams: Comptel/USA (1997), Saturn (1998-99), US Postal (2000-2001), Rabobank (2002-2004), Gerolsteiner (ab 2005)

Größte Erfolge: Dritter Spanien-Rundfahrt 2001, Vierter WM-Zeitfahren 2001, Achter Tour de France 2002, Neunter Tour de France 2004, US-Meister Zeitfahren 1999, Etappe Settimana Catalana 2004, Route du Sud 2002 (+ 1 Etappe/EZF), Etappe Circuit Franco-Belge 2000, 16 Siege in US-Rennen 1997-2001.
Leipheimer: (Lacht) Naja... In 10 Jahren weiß doch kein Mensch mehr, wer Achter der Tour war. Aber für mich war das damals ein Riesenschritt. Es gibt nicht soviele Rennfahrer, die bei ihrer ersten Tour de France Achter werden.

RADSPORT-NEWS.COM: Sie fuhren davor bei US Postal, aber vor allem in den USA. Was ist der Unterschied zwischen Rennen in den USA und in Europa?

Leipheimer: Der Unterschied ist sehr groß. Die Rennen in Europa sind länger und härter. Die Rennfahrer sind besser. Es gibt hier über 200 wirklich gute Fahrer, in Amerika sind es 10. Für uns Amerikaner ist es zusätzlich schwerer, dass wir unsere Familien, unsere Kultur zurücklassen müssen. Aber andererseits macht es die Konzentration auch leichter. Wenn ich in Europa bin, dann weiß ich, ich bin hier für den Radsport. Ich kann zwischen den Rennen nicht mal schnell nach Hause gehen. Es ist ein Fulltime-Job, 24/7.

RADSPORT-NEWS.COM: Wenn ein deutscher Basketball-Spieler einen Vertrag in der NBA bekommt, dann gibt es großen Wirbel um ihn. Ist es so ähnlich im amerikanischen Radsport, wenn ein Fahrer zu einem europäischen Team geht?

Leipheimer: Oh ja. Die Radsport-Szene in Amerika schaut auf einen. Es ist sehr prestigevoll, wenn man rübergehen kann. Die Fahrer schauen alle auf den Radsport in Europa. Es ist eine große Ehre, im ProTour-Peloton zu fahren.

RADSPORT-NEWS.COM: Wie haben die Triumphe von Armstrong den amerikanischen Radsport verändert?

Leipheimer: Klar, dass er gut ist für US Cycling. Jeder in Amerika kennt den Namen Armstrong, jeder. Unglaublich. Das macht es für mich auch leichter, den Leuten zu erklären, was ich mache.

RADSPORT-NEWS.COM: Sie gehören ja zweifelsohne ebenfalls zu den besten amerikanischen Rennfahrern. Werden Sie von den Mainstream-Medien wahrgenommen?

Leipheimer: Naja, Lance hat natürlich eine big, big story mit seiner Krankheit und sechs Tourtriumphen. Das ist natürlich mit niemandem vergleichbar. Aber ein bißchen von Lances Licht fällt auch auf den Radsport. Es gibt (in den Mainstreammedien) ein kleines bißchen Anerkennung, aber es konzentriert sich schon hauptsächlich auf Lance. Verständlicherweise. Wenn ich ein Rennen gewinne, gibt es eine Randnotiz in USA Today.

RADSPORT-NEWS.COM: Wünschten Sie sich mehr Medienaufmerksamkeit?

Leipheimer: Ich wünschte mir mehr, für den Sport. Ehrlich, ich war noch nie einer, der das Rampenlicht sucht. Ich habe aber das Gefühl, unser Sport würde mehr Aufmerksamkeit verdienen. Die Leute zuhause realisieren gar nicht, wie schwer unser Sport ist, was wir dafür opfern, wie hart wir arbeiten. Es wäre nett, wenn das mehr rüberkäme. Aber die ganze Lance-Story hat uns schon sehr weitergebracht. Wenn ich zuhause in den Staaten irgendwo mit jemandem ins Gespräch komme, dann machts es bei den Leuten gleich Klick. Die kennen mein Gesicht zwar nicht, aber wegen Lance können Sie sich ein Bild machen, was ich mache. Das war vor Lance eben nicht so in der großen Öffentlichkeit.

RADSPORT-NEWS.COM: Sie kommen aus Kalifornien. Sind Sie ein typischer californian dude...?

Leipheimer: Naja, ich komme ja nicht aus Südkalifornien... Manchmal sagt man mir, ich würde zuviel trainieren im Winter. Ich mag es, hart zu arbeiten. Ich bin schon auch ein lockerer Typ (easy going), mache mir keinen Stress, lass es langsam angehen. Aber ein Party Animal bin ich sicher nicht. Ich bin eher ein ernster Mensch.

RADSPORT-NEWS.COM: Sie sind hier seit gestern beim ersten Mannschaftstreffen von Gerolsteiner. Haben Sie von Deutschland schon einen Eindruck gewinnen können?

Leipheimer: Jetzt leider nicht, aber ich erinnere mich gerne daran, in Frankfurt (Henninger Turm) Rennen zu fahren. Das Publikum ist super. Viele Fans - und sehr respektvoll gegenüber den Fahrern. In manchen Ländern wird es schonmal schnell negativ. Wie in Alpe d'Huez dieses Jahr, wissen Sie? Ich freue mich auf die beiden Etappen der Tour de France in Deutschland.

RADSPORT-NEWS.COM: Werden Sie bei Gerolsteiner mehr Rennen in Deutschland fahren?

Leipheimer: Vielleicht fahre ich die Deutschland-Tour, das wäre toll. Ansonsten, Rennen wie Bayern-Rundfahrt oder Regio-Tour fahre ich nicht, weil meine Vorbereitungsrennen parallel stattfinden.

RADSPORT-NEWS.COM: Kennen Sie schon Ihr Rennprogramm?

Leipheimer: Ja, ungefähr. Ich starte mit Murcia. Danach ziemlich traditionelles Programm. Kein Giro. Vor der Tour de France fahre ich Baskenland, Romandie, Tour de Suisse. Im Januar fahren wir mit Gerolsteiner ins Trainingslager nach Mallorca. Im Dezember bin ich zuhause in Kalifornien, (lacht) wo die Sonne ist...

RADSPORT-NEWS.COM: Levi, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Kersten Volk

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