LAUSANNE/BERLIN, 24.09.04 (dpa) -
Ein dilettantischer Fehler bei der
Aufbewahrung seiner Blutprobe in Athen hat dem US-Radprofi Tyler
Hamilton voraussichtlich den Olympiasieg im Zeitfahren gerettet.
Dennoch droht dem bisherigen Phonak-Kapitän auf Grund eines positiven
Tests bei der Vuelta weiterhin eine Sperre durch den amerikanischen
Radsportverband und damit möglicherweise das Karriereende.
Wie der Chef der Medizinischen Kommission des Internationalen
Olympischen Komitees (IOC), Arne Ljungqvist, am Freitag bestätigte,
sei Hamiltons B-Probe in Athen tief gefroren statt einfach nur
gekühlt worden. Damit waren nicht mehr genügend intakte rote
Blutkörperchen für eine Gegenanalyse vorhanden. Somit konnte das
positive Ergebnis der A-Probe nicht bestätigt werden. Das IOC war
gezwungen, am Donnerstagabend das Verfahren gegen Hamilton umgehend
zu stoppen. Sanktionen des IOC muss der von seinem Schweizer Phonak-
Team bereits suspendierte Profi nun nicht mehr befürchten.
Dennoch darf Hamilton nicht frohlocken, denn es droht ihm weiter
eine bis zu zweijährige Sperre. Die B-Probe vom Vuelta-Zeitfahren am
11. September fiel wie schon der A-Test positiv aus und bestätigte
eindeutig den Verdacht auf Blutdoping. Die UCI hat sofort die Phonak-
Verantwortlichen informiert und die Protokolle an den amerikanischen
Verband (USADA) weitergeleitet. Da Hamilton mit amerikanischer Lizenz
fuhr, muss er nach Empfehlung der UCI von den Instanzen seines Landes
bestraft werden. Auffällig war, dass sich Hamilton bei der erneuten
Beteuerung seiner Unschuld («Ich bin zu 100 Prozent unschuldig») am
Donnerstag nur auf die Olympischen Spiele, jedoch nicht ausdrücklich
auch auf die Spanien-Rundfahrt bezog.
Allerdings haben indes auch Verfahrensfehler des Weltverbandes die
Klärung der Situation erschwert. Nachdem die Vuelta-Dopingprobe im
Labor in Lausanne ausgewertet worden war, hätte der Athlet das Recht
gehabt, die Gegenanalyse in einem anderen Labor vornehmen zu lassen.
Die UCI-Verantwortlichen lehnten jedoch das Ansinnen Hamiltons ab,
das Labor in Sydney mit der B-Analyse zu beauftragen und machten sich
damit wieder angreifbar.
Mit Gelassenheit reagierten am Freitag die australischen
Wissenschaftler, die in den zurückliegenden Monaten die neue
Nachweis-Methode entwickelt hatten, auf die Fehler bei der
Aufbewahrung der Konserven. «Ich denke nicht, dass dies das Ende der
Geschichte ist. Aber es ist natürlich unglücklich, dass solch ein
menschliches Fehlverhalten ein korrekte B-Probe verhindert», meinte
Wissenschaftler Ross Brown.
«Ich denke, Betrüger sind jetzt gewarnt, dass wir Blutdoping
nachweisen können. Ich bin überzeugt, viele werden die Transfusionen
stoppen, weil sie sonst von uns überführt werden», sagte sein Kollege
Michael Ashenden. Er ersuchte Hamilton zugleich, seine Goldmedaille
von Athen zurückzugeben. «Er sollte den Anstand haben und die
olympische Bewegung respektieren», forderte Ashenden.
Im Phonak-Team hingegen vermutet man eher eine Verschwörung gegen
Hamilton. «Ich habe den Verdacht, dass an Hamilton ein Exempel
statuiert werden muss, um zu zeigen, dass der Test funktioniert»,
erklärte Phonak-Chef Andy Rihs. Die Schweizer hatten ihrerseits ein
Team von Wissenschaftlern zusammengestellt, um Licht ins Dunkel zu
bringen und zu tragbaren Kriterien zu gelangen, ob das neu
zugelassene Nachweisverfahren für Blutdoping annehmbar ist.