BERLIN, 28.12.04 (rsn) - Lance Armstrong gelang in der
vergangenen Saison der ein Jahrhundert lang nicht für möglich
gehaltene sechste Tour de France-Sieg,
doch die Ehre des Rennfahrers der Jahres 2004 muss der Amerikaner
trotz dieser historischen Leistung einem anderen überlassen - zumindest
aber mit ihm teilen: Der Italiener Damiano Cunego
stürmte mit jugendlicher Unbekümmertheit an die Weltspitze und
eroberte die Herzen einer Radsport-Nation, die
gerade erst den Schock des Todes von Marco Pantani zu überwinden hatte.
Der 23-Jährige aus Verona ist unser Rennfahrer des Jahres.
Als man im Februar den unter so traurigen Umständen
ums Leben gekommenen Marco Pantani zu Grabe trug,
da kannte praktisch niemand den Namen Damiano Cunego,
Der junge Mann,
Junioren-Weltmeister von 1999 und
seit 2002 Profi, galt
zweifellos als talentiert, ein paar Siege
bei kleineren Amateurrennen und einer unbedeutenden chinesischen
Rundfahrt standen bei ihm bereits zu Buche.
Doch nichts deutete darauf hin,
dass er im April
dazu ansetzen würde, dem italenischen ciclismo
wieder ein Gesicht zu geben.
Innerhalb von 40 Tagen wurde
aus dem Unbekannten ein Star.
Es begann mit der Trentino-Rundfahrt,
als Cunego seinem Kapitän Gilberto Simoni bei dessen Heimatrundfahrt die Show
stahl und bei dem schweren und bedeutenden Giro-Vorbereitungsrennen
zwei Etappenerfolge und Gesamtsieg feierte.
Simoni neigt zwar chronisch dazu, sich zu überschätzen,
doch als der zweifache Giro-Sieger damals gönnerhaft erklärte,
sein junger Teamhelfer dürfe sich ruhig autoben, bei
der Italien-Rundfahrt sei er ja wieder dran,
da glaubte man ihm. Die Gazzetta dello Sport
rief zwar bereits Cunego zum neuen Giro-Geheimfavoriten aus,
doch die Experten glaubten ihr Getöse, das
dem Giro zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen sollte, wohl selber kaum.
Beim Giro dann überraschte sich Cunego selbst.
Bei seinem zweiten Start bei einer großen Rundfahrt
dominierte der Youngster.
Er trug elf Tage das Rosa Trikot, das er
nach der siebten Etappe ausgerechnet Simoni abnahm.
Nach dem Zeitfahren in Triest fiel der Veroneser
auf den sechsten Gesamtrang zurück. Doch in den Dolomiten kam
Cunego überraschend zurück und holte sich bei der
schwersten Kletter-Etappe die Führung zurück.
In den letzten Bergetappen kontrollierte der
bereits als "neuer Pantani" gefeierte Cunego das Rennen abgeklärt,
obwohl ihn am Ende sein eigener Teamkollege Simoni attackierte.
In 21 Tagen verdiente sich Damiano Cunego
die Begeisterung der tifosi, die
ihn in ihr Herz schlossen.
Mit seinen gerade mal 23 Jahren - ein Alter, in
dem die meisten erst ins Profilager wechseln -
zeigt Cunego bereits viele Qualitäten,
nicht nur auf dem Rennrad, auch mental.
Er zeigt trotz seines Alters eine
bemerkenswerte Ausgeglichenheit - und
hat sich dennoch ein jugendliches
Temperament bewahrt. Seine einzige Schwäche
ist das Zeitfahren. Diese hätte
ihn beinahe den Giro-Gesamtsieg gekostet und wegen dieses
Mangels an Zeitfahr-Qualitäten kann
Cunego derzeit bei der Tour de France
noch nicht vom Sieg träumen.
"Nach dem Giro wäre die letzte Tour wohl noch zuviel gewesen für mich.
Ich glaube, ich könnte bei den Bergetappen
der Tour de France an Armstrong dranbleiben.
Doch bei den Zeitfahren hat Armstrong eine
eindeutige Überlegenheit", sagt Cunego.
Mehr noch als im Frühsommer
beeindruckte Cunego im letzten Herbst,
in dem er an die Spitze der Weltrangliste fuhr.
Bei den Straßen-Weltmeisterschaften im heimischen
Verona hatte Cunego große Ziele.
Der neunte Platz (!) stellte ihn nicht zufrieden.
Er revanchierte sich schließlich beim
Monument Lombardei-Rundfahrt mit einem
schön herausgefahrenen Sieg.
Innerhalb eines Jahres stieg Cunego
von der Nummer 227 im UCI-Ranking auf zur Nummer 1 der Welt.
Natürlich weckt ein solcher Aufstieg im Profi-Radsport
auch gleich Mißtrauen. Körperlich bringt
der junge Italiener, der zugleich klettern und sprinten kann,
fast perfekte Voraussetzungen mit.
So hat er etwa von Natur aus einen hohen Hämatokritwert,
für den andere erst in die pharmakologische Trickkiste greifen
müssen. Cunego hat einen natürlichen Hämatokritwert
von 52 Prozent - schon als Junior hatte
er ein ärztliches Attest, das ihn
von der üblichen 50-Prozent-Grenze ausnimmt.
Doch das allein macht einen Fahrer natürlich
auch noch nicht schnell - im Profi-Peloton
haben rund 20 Fahrer ähnliche Werte.
Wichtiger als die physiologischen
Daten ist Cunegos Köpfchen.
"Damiano kann ein Rennen lesen. Er
analysiert blitzschnell die Situation und
zieht die richtigen Schlüsse",
sagt Cunegos Mentor Giuseppe Martinelli,
der einst auch der Sportliche Leiter von Pantani war.
Der neue Pantani
Im nächsten Jahr will Cunego sein Debüt geben
bei der Frankreich-Rundfahrt.
Sein Ziel lautet in erster Linie: Lernen.
Bei den Kletteretappen wird er versuchen,
an den Besten dranzubleiben und beim Zeitfahren
seinen Rückstand im Rahmen halten.
Seine Fans in Italien träumen davon, dass
Cunego irgendwann zum großen Schlag ausholen kann und
- hier schließt sich der Kreis -
Marco Pantani folgen kann, dem einzigen italienischen
Toursieger (1998) der letzten 40 Jahre.
Zu den unausweichlichen Vergleichen mit Pantani
gibt sich Cunego zurückhaltend.
"Das ist eine große Ehre. Ich kann nur hoffen,
dass ich dieses Vertrauen in meine Fähigkeiten
nicht enttäusche", sagt Cunego dazu.
Marco Pantani lernte er im Winter 1999
kennen, er traf ihn im Training
in Madonna di Campiglio. Am gleichen Ort
war der "Pirat" damals wenige Monate zuvor
aus dem Giro ausgeschlossen worden wegen
Dopingverdachts. Von diesem Schlag erholte
sich Pantani nie mehr. Cunego erinnert
sich an das Treffen mit Pantani:
"Das war vermutlich schon nicht
mehr der Pantani der großen Zeiten.
Er sagte zu mir, man dürfe
nie aufgeben, gerade in schweren Zeiten müsse
man durchhalten. Wenn man hart arbeite,
dann kämen die Resultate früher oder später von ganz allein.
Diese Worte Pantanis habe ich immer
im Kopf."
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